24/01/2005
Die Bedeutung der oeffentlichen Meinung fuer die Durchsetzung des Projektes
Darum verteidige ich dieses Projekt: weil dies ein Augenblick des Wandels ist, der Augenblick, um auf die Strasse zu gehen und zur Apotheose zu gelangen, zum Kreis, zum Ort, wo das populaere brasilianische Theater tatsaechlich neu erfunden werden kann, ein Theater, das musikalisch, taenzerisch, erotisch, visuell, plastisch, komisch, zirkusartig ist, und das grosse Massen erreichen wird. Das sind lauter Dinge, die mir ueber 25 Jahre deutlich vor Augen waren und die, wie mir scheint, die Architekten ?unter dem Druck der Finanzspekulation- bis heute nicht einloesen konnten. Dafuer braucht es den Druck der oeffentlichen Meinung. Darum oeffnen wir unsere Website fuer die Debatte. Es geht da weniger um Druck als um ideologische, kreative und innovative Beitraege. Das hat es so zuvor niemals gegeben. Und das ist gut so, weil Leute Ideen haben, ueber Dinge Bescheid wissen und Forderungen formulieren ? wie dieses Maedchen, das im ?Orkut?-Netz (wo viel diskutiert und getratscht wird) deutlich Stellung bezog: dass ich ein Verraeter sei und offenbar alles aufgegeben haette undsoweiter. Aber darum geht es nicht. Es ist ein Prozess, in dem wir schon einen grossen Sieg errungen haben durch den Besuch von Silvio Santos. Ich haette doch nichts erreicht, wenn ich nur mit den Vertretern des Kapitals verhandelt haette, denn ich glaube, dass dass, was die Dinge veraendert, immer die Menschen selber sind. Die Strukturen sind da, um von den Menschen veraendert zu werden, nicht um die Menschen zu versklaven. Darum hat der Mann, der schon ueber den Strukturen steht und seinen Nacken aus der Schlinge gezogen hat, dieser Silvio Santos eben, den Befehl zur Zerstoerung des Gebaeudes gegeben, weil es danach besser aussieht. Diese Haltung gefaellt mir einfach. Seine Firma war ploetzlich in Aufruhr. Ich glaube an ihn, ich vertraue darauf, dass er die Beispielhaftigkeit des Projektes versteht, all die internationale Wichtigkeit, die fuer immer anhalten wird und die wir wirklich erreichen koennen.
Die Leute von Bixiga
An diesem Ort darf nichts Mittelmaessiges entstehen. Deshalb braucht die Kalkulation noch einige Reals, einige Dollar mehr. Das zahlt sich spaeter aus, in Form von noch viel mehr Dollars, viel mehr Euros. Es wird ein internationales Einkaufszentrum von internationaler Bedeutung werden, und auch dieser Stadtteil wird immer populaerer werden und so internationale Bedeutung gewinnen ? denn es wird eine Insel sein, die als Orientierungspunkt fuer die ganze Welt dienen wird und sich damit ihrerseits immer staerker ausdehnt in diesem Meer, das ?das einfache Volk? ist. Die Leute in der Bixiga sind ein grossartiges Volk: total durchmischt. Es ist ein grosser Luxus, die Samba-Schule ?Vai-vai? hier zu haben, diese afrikanische Mischung, all diese Leute, die trinken, schnupfen, rauchen, reden, singen, tanzen. Ich glaube, das ist pure Oekologie; die Menschlichkeit braucht Raeume wie diesen. Jahrhundertelang hat die Humanitaet sich selber in Freiheit gefeiert. Aus dem froehlichem ?Vai-vai?-feeling in diesem Viertel, aus dieser Mischung von italienischstaemmigen und schwarzen Leuten mit allem und jedem und vor allem mit den Leuten aus dem brasilianischen Nordosten, entwickelte sich ein Menschenschlag, mit dem man reden kann und dessen Mitglieder in unser Theater gehen. Das ?Bixigao?-Projekt war eine Revolution in diesem Viertel und hat uns in direkten Kontakt mit diesen wunderbaren Leuten gebracht. Die sind nicht Mittelklasse und typisch ?Paulista?, also nicht gefangen in den Gewohnheiten des gewoehnlichen Bewohners von Sao Paulo, der Teil der Maschine ist und immer gleich die Fensterscheiben im Auto schliesst, mit niemandem reden will und meint, dass die Armen keine Muehe wert sind am besten einfach weggeputzt werden muessten. Sie sind nicht wie die irren ?Paulista?-Typen mit dem ?poker face?. Hier sind Leute, die fuer ein Erbe der Menschheit stehen. Das ist eine Sache, die als Teil des ganzen Projekts verstanden werden muss.
Neugestaltung der ?Minhocao?-Hochstrasse
Es gibt noch ein weiteres Thema: die ?Minhocao?-Hochstrasse
Info-Turm und Produktions-Turm
Und auf den beiden Gelaendestuecken, die der Stadt gehoeren, sollte zum einen das Produktionszentrum untergebracht werden, wo es auch eine Bar gibt, mit Schnaepsen aus aller Welt; und auf dem anderen Grundstueck ein Archiv. Ich bin sehr bemueht, hier auch ein Archiv zu etablieren; ich suche nach Unterstuetzung, um umgehend mit dem Aufbau einer Datenbank beginnen zu koennen, um all das zugaenglich zu machen, was das ?Teatro Oficina? im Angebot hat und von allgemeinem Interesse ist. Es ist ein Verbrechen, all das weggeschlossen zu halten. Bisher gibt es keinen einfachen Zugang, weil das Material so schlecht sortiert und organisiert ist. Ich suche nach Spendern und Sponsoren dafuer, aber wir brauchen eine klare Beschreibung des Ortes, und ich moechte, dass das Archiv in einem der Tuerme untergebracht wird, die Paulo Mendes da Rocha entworfen hat und die Marcelo Ferraz uebernehmen wird; Silvio Santos waere damit der ideelle Gesamtsponsor, wodurch die Sache weiteres Gewicht gewinnt.
Die Revolution innerhalb des Kapitalismus
Gilberto Gil, Brasiliens wichtigster Minister
Wenn dagegen all das eher mittelmassig ausfaellt, will ich es nicht. Ich habe all diesen buerokratischen Dingen zugestimmt, weil ich auf die sehr gute Beziehung zu Silvio Santos vertraue. Ausserdem gibt es sehr gute Beziehungen zu den Architekten, und die zu den Finanziers waren schon gut und verbessern sich stetig. Dennoch denken sie noch immer in den Kategorien jener Maschinerie, die schnellen Profit verspricht. Das ist, als truegen sie einen Helm, eine Matrix auf den Koepfen. Aber selbst diese Leute koennten beginnen, ohne diese Matrix und in laengere Ablaeufen zu denken, denn Brasilien waechst und wird einst eine reiche Nation sein. Und es waechst eben nicht mit einer Mentalitaet der exzessiven Ausbeutung. Es braucht einen anderen Kapitalismus hier in Brasilien: also eine Revolution innerhalb des Kapitalismus selbst.
Neulich sagte Monique, eine Freundin, dass doch moeglichst jeder reich werden solle, damit dem Kapitalismus ein Ende gemacht werden koenne. Jeder sehnt sich nach Reichtum, aber die Logik des Kapitalismus erlaubt das nur wenigen. Aber selbst die, die reich werden, werden zu Gefangenen. Ich habe gehoert, dass die Bankiers in der Schweiz, die unermessliche Profite machen, nicht wissen wohin mit dem Geld; sie ziehen sich Blue Jeans an und tun nichts, sie sitzen zusammen und schauen einander ratlos an, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen mit all ihrem Geld. Gut, sie investieren in die Struktur des Marktes, waehrend wir doch in einem Zeitalter leben, wo Humanitaet alle viel gluecklicher machen koennte. Und das ist keine Utopie; Humanitaet braucht keine Kriege, braucht keinen Hunger mehr. Es ist alles eine Frage des Bewusstseinswechsels.
Ich glaube, wir leben gerade in einer besonderen Zeit: mit der Kultur, mit dem ?Stadion-Theater?, mit diesem Menschen Silvio Santos, mit all dem, was das ?Teatro Oficina? ist und mit der Oeffentlichkeit, die es erreicht und die ueber das Projekt diskutiert. Und wir leben in einem speziellen Augenblick der Geschichte, weil wir Gilberto Gil als Kulturminister haben; der, wie ich glaube, der beste Kulturminister der Welt ist ? ich bezweifle, dass es irgendwo sonst einen Minister mit derart hohem kulturellen Niveau gibt wie ihn, ob in den USA, in Frankreich, in Israel oder Japan. Ich bin sicher, es gibt keinen. All das ist wunderbar fuer Brasilien. Gerade gestern hat er in einem Interview darauf hingewiesen, dass inzwischen 10 % der brasilianischen Wirtschaftsleistung von der Kultur erbracht werden; dass Kultur bereits einen Wohlstandsfaktor und eine ?kreative Industrie? darstellt. Das ist sehr gut. In kreative Industrien muss kraeftig investiert werden. Wir haben derzeit einen Kulturminister, der ?Oswaldianer? ist <Anm.: nach Oswald de Andrade (1890-1954), der 1928 das ?Anthropophagische Manifest? schrieb>, der auch ?Tropicalist? ist
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