RáDIO CULTURA AM - DIE DNA DES NEUEN THEATERS (TEIL II)


24/01/2005

Ueber den Charakter des gegenwaertigen Projekts

Das Projekt hat ein interessantes Erscheinungsbild. Ein Stein wird in die Mitte gesetzt werden, so dass das Theater nicht laenger wie ein Verkaufsstand im Einkaufszentrum aussehen wird; es wird zum Zentrum, zum Platz, zum Mekka, wo sich Architektur ereignet. Marcelo Suzuki arbeitet an der aeusseren Form dieses Steins. Lina hatte immer von der ?Terreiro?-Erde gesprochen <Anm.: ?Terreiro? ist ein Platz unter freiem Himmel, wo die Rituale von Candomble und Umbanda gefeiert werden>, sie sprach von einer Strasse, von einer Mailaender Galerie, die zu den Katakomben des Silvio Santos fuehren sollte. Und auch in dieser Idee der Katakombe sah sie eine Art Stadion voller Loecher, wie das Colosseum; denn sie liebte Loecher, wie etwa die Loecher des SESC <Anm.: SESC heissen in Sao Paulo die wichtigsten Theater- und Kulturhaeuser, sie werden von einer Art lokaler Industrie- und Handelskammer betrieben>, dem sie den Spitznamen ?Beirut? gab und das sie heute vielleicht nach den Loechern von Falludscha im Irak benennen wuerde. Ich wuensche mir einen vollstaendig durchloecherten Stein. Dieser Stein wird aus Zement, Dreck und Erde gefertigt, aber er wird den Charakter eines naturgetreuen Steines bekommen ? was mir deshalb wichtig ist, weil er mich an das griechische Theater und die ersten Theater-Stadien denken laesst, wo die Buehnen aus Stein gehauen waren. Gerade deshalb waren sie ja beruehmt fuer die hervorragende Akustik. So etwa soll es geschehen ? wenn es bislang in der Zeichnung auch noch keine Loecher gibt. Derzeit gibt es (wie schon zu recht bemerkt wurde) ein weitaus groesseres Problem ? das ?Stadion-Theater? muesste natuerlich offen sein nach allen vier Seiten der Stadt; denn es ist eine Kreuzung. Es muss offen sein zur Rua Santo Amaro, zur Rua Abolicao, zur Rua Jaceguai und zur Rua Japura ? schliesslich ist es ein oeffentliches Monument. Das Projekt soll wirken wie eine italienische Buehne, wie ein heiliger kirchlicher Ort ohne Rueckseite. So ein Monument braucht eine kraeftige Sitzflaeche, eine kompletten Koerper, es muss sichtbar sein von allen Seiten ? es darf nicht irgendetwas sein, dass nur von einer Seite her betreten werden kann. Darum kaempfe ich dafuer, dass das Einkaufszentrum selber geoeffnet wird nach allen Seiten der Stadt. Und darueber hinaus soll natuerlich das Theater nach allen Seiten der Stadt hin atmen koennen. Wir haben die Rua Abolicao noch nicht erobert, von dort aus gibt es noch keinen Zugang. Doch dieses ?Stadion-Theater? soll zur DNA werden, zur Blaupause also fuer andere ?Stadion-Theater?, die gebaut werden.

Diese DNA ist deshalb so wichtig, weil sie all die Qualitaeten in sich traeft, die die Zukunft bringen wird. Tatsaechlich will ich ein Stadion mit 15.000 Plaetzen; dieses hier wird 1000 haben. Das bekuemmert mich nicht so sehr, weil ich ja weiss, dass hier ein Prozess in Gang kommt, der praktische Uebung braucht und sich damit stetig verbessern muss, um wirklich voran zu kommen. Ich hoffe, dass sich die Idee ausbreiten wird wie das Theater selber sich ausbreitet; in den Dimensionen seiner Beziehung zur Musik, zum Tanz, zur digitalen Revolution, und in besonderer Hinsicht auf das brasilianische Volk und seine Kultur, in der sich ihrerseits eine weltumspannende Kultur manifestiert: die der Vermischung der Rassen. Dieses Theater wird sich darum nicht nur in Brasilien ausbreiten, sondern ueberall in der Welt; so sehr, dass wir hier gerne ein (mindestens) alle zwei Jahre stattfindendes Festival sehen wuerden.

Aber so weit ist das Theater noch nicht. Es hat so viele Kaempfe gebraucht, um diesen Raum zu erhalten; dass er seinen eigenen Himmel behaelt und nicht nur ein beliebiger Baustein im Koerper eines Shopping-Centers ist. Erschoepft von diesem Kampf, haben die Architekten ihre Plaene praesentiert; aber ich finde, dass auch das Einkaufszentrum selber noch eine zu enge Huelle ist. Es braucht mehr Raum. Und wird sind ja auch noch mitten in der Diskussion. Ich wuerde zum Beispiel gern die westliche Wand des Theaters, die ein grosses, haushohes Fenster hat, durch Tueren oeffnen ? so dass sie sich direkt zum Stadion hin oeffnet und das ?Oficina? von heute zur griechischen ?skena? wuerde; zur Buehne des griechischen Theaters also, wo die Goetter und die Protagonisten erscheinen. Und dann folgt ein Kreis, der Orchester-Raum, wo der Chor positioniert ist. Ich will ein griechisches Theater, mit geschwungenen Ebenen, ein schwingendes Theater, als waere es ein ?Sambodrom? ; denn wir werden sowohl das Orchester als auch die ?skena? fuer unsere Produktionen nutzen. Es wird ein Theater sein, in dem durch und durch gespielt werden kann ? als sei unterteilt durch viele kleine Huegel. Deswegen wollte ich zunaechst den Architekten Oscar Niemeyer gewinnen, der Kurven und Schwingungen seiner Bauten wegen ? denn ich will ja ein schwingendes griechisches Theater. Aber dazu ist es noch nicht gekommen. Marcelo Suzuki wird all das jetzt im Detail ausarbeiten.

Es gibt einen weiteren Punkt ? in der ersten Version gab es zwei Buehnen-Daecher, eines direkt ueber der Buehne; was eben gerade nicht den Eindruck eines Stadions vermittelte. Denn das erste, was beim Betreten eines Stadions auffaellt, ist ja die voellige Leere in der Mitte mit der Rundung drum herum; jeder ist zu sehen, und der offene Himmel darueber ? Klar, wenn?s regent, wird das Dach zugemacht. Dafuer gibt es ja heute eine wunderbar fortgeschrittene Technologie, dank der Olympischen Spiele ? und genau so will ich das Theater. In der neuen Zeichnung gibt es noch ein kleineres Dach, und ein zweites, das fuer ein kleines Theater mit 100 Plaetzen entworfen ist, sehr intim und mit Blick auf alle Seiten der Stadt. Aber das kann vielleicht durch die Abtrennung eines Teiles des Stadions hergestellt werden ? denn die teureren Plaetze sollen ja vor der Sonne geschuetzt sein. Am wichtigsten aber ist der unverstellte Blick, der offene Himmel; mit einem Dach, das sich oeffnen und schliessen laesst und gleichzeitig auch Platz fuer Projektionen bietet, um dort all die Erfindungen zu nutzen, die die digitale Revolution noch mit sich bringen wird. Das Dach kann natuerlich auch an sonnigen Tagen geschlossen werden, wie es mit dem mobilen Dach des ?Oficina? ja jetzt schon moeglich ist; aber auch, um es fuer Projektionen zu nutzen.

Das Management: eine Frage, die besonders schnell geloest werden muss

Eine Frage von ?wie ich glaube- vordringlichster Wichtigkeit (und zwar in einer Weise, von der bisher noch nicht die Rede war, die aber in allernaechster Zeit deutlich formuliert werden muss), ist die des Managements. Ich moechte, dass dieses Theater von uns geleitet wird, vom ?Teatro Oficina Uzuna Uzona?; was aber auch als Einladung an das gesamte brasilianische Theater verstanden werden sollte: also an eine Art Rat der fuehrenden Persoenlichkeiten des brasilianischen Theaters; mit dem Auftrag, all jenen brasilianischen Ensembles nuetzlich zu sein, die an diesem Ort des ?Stadion-Theaters? arbeiten wollen. Das heisst, dass dies kein Platz sein wird fuer Theater wie das, das im Moema-Bezirk von Sao Paulo gespielt wird ? statt dessen fuer ein Therater, dass sich zwar in den 60er Jahren entwickelte, in den Zeiten massiver Repression aber stark gelitten hat und darum nicht den Weg natuerlicher Entwicklung gehen konnte. All das haetten wir in Brasilien schon, wenn es nicht den ?AI 5? gegeben haette <Anm.: das Gesetz, das zu Zeiten der Militaerdiktatur unter diesem offiziellen Titel die buergerlichen und politischen Buergerrechte aufhob>. Deswegen ist es immer noch noetig, den Raum wieder zu erobern, der dem Theater gehoert; nicht den Raum fuer langweiliges Mainstream-Theater, sondern fuer Theater, das die Musik, den Tanz, den ganzen Raum einbezieht, auch den Zirkus mit Tieren und Trapez, auch das Kino. Ich glaube, das ist die Tendenz eines totalen Theaters.

Gut ? das Einkaufszentrum wird von Silvio Santos? Gruppe gemanagt, es hat kommerziellen Charakter. Das ?Stadion-Theater? aber muss in der Verantwortung von ?Uzyna Uzona? bleiben, und eben dem Rat der fuehrenden Persoenlichkeiten von Theater und Kultur in Brasilien; und es soll von allen brasilianischen und internationalen Ensembles genutzt werden, die sich dem ?Stadion-Theater? verpflichtet fuehlen. Es muss ein Ort sein, der das Theater privilegiert. Normalerweise werden Shows oder Aehnliches aufgefuehrt; aber dies wird kein Platz fuer Seifenopern nach brasilianischer TV-Manier sein, kein Platz fuer den Verkauf, sondern fuer die Kreativitaet ? die, wie ich glaube, grossen wirtschaftlichen, finanziellen Wert bekommen wird. Nicht als Geschaeft um der Geschaefte willen ? obwohl hier zumindest auch ein Ort fuer ?Show-Business? sein wird. Aber das bedeutet immer, dass die Show, das Theater, das Spektakel wichtiger ist als das Business. Erst das macht ja wirklich das Business aus. Ich glaube, wir unternehmen so einen wertvollen Versuch gerade mit ?Os Sertoes?, was, wie ich glaube, eine absolut verrueckte Sache ist ? denn ich beginne zu entdecken, dass wir tatsaechlich eine Revolution initiieren koennen, wenn wir eines Tages (ich weiss nicht wann, aber natuerlich erst, wenn die Bush-Regierung abgeloest ist) ?Os Sertoes? auch am Broadway vorstellen koennen. Ich habe den Eindruck, dass wir eine Art brasilianisches Musical erfinden, das sich vollstaendig vom amerikanischen Musical unterscheidet, aber von grosser Kraft ist und von Bedeutung fuer die ganze Welt. Und dieser Ort hier wird viel zur Entwicklung dieses brasilianischen Musicals beitragen. Es ist ja bekannt, dass ein in den USA erfolgreiches Musical sofort zum Investitionsobjekt wird. Guthaben werden investiert und produzieren enormen oekonomische Werte. Ich glaube, dass auch das Theater solche oekonomischen Werte produziert. Es braucht dafuer nur die richtigen Bedingungen. Auch darum muss das Management dieses Ortes eher unkonventionell sein. Ihm muss der kulturelle Aspekt wichtiger sein als das Streben nach schnellem Profit. Darueber diskutiere ich sehr ernsthaft mir Silvio Santos. Denn wenn das nicht moeglich ist, wird es furchtbar. Dann gibt?s immer bloss Shows.

Sicherlich werden wir uns um gute akustische Abschirmung zwischen einer Buehne und der anderen bemuehen, so dass wir zeitweilig an zwei Orten gleichzeitig spielen koennen. Doch es gibt zwei Baumreihen in der Mitte ? und erst da beginnt das Stadion. Das ist eine deutliche Trennung. Es wird gesagt, wir seien noch ?im Gespraech?; aber meiner Ansicht gibt es Dinge, die nicht nur auf Gespraeche begruendet werden koennen; sie muessen vielmehr auf einer gemeinsamen Sehnsucht nach etwas wirklich Grossem beruhen. Das beginnt mit dem Namen: ?Stadion-Theater?; der Begriff wurde von Oswald de Andrade gepraegt und vom ?Teatro Oficina? wieder entdeckt; weil offenkundig das Konzept immer auch eine Auspraegung des ?Oficina? war. 25 Jahre Geschichte haben das bewiesen. Das eine laesst sich vom anderen nicht trennen. Ich bin mit dem gegenwaertigen Gespraechsstand noch nicht zufrieden; so wenig, dass ich am Sonntag (meinem Ruhetag) all die Dinge aufschreiben werde, die ich noch fuer unzureichend halte, und die, fuer die ich kaempfen werde.


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