24/01/2005
Interview mit Zé Celso Martinez Correa
Medium: Rádio Cultura AM Reporter: Marilú Cabañas
24. Januar 2005
Die DNA des neuen Theaters
Zur gegenwaertigen Situation des Projektes ?Theater-Stadion? in Sao Paulo
Marilú: Zé Celso, wir haben Ihren anhaltenden Kampf mit der Mediengruppe des Unter-nehmers Silvio Santos
Zé Celso: Dies ist ein Kampf in Namen des ?Oficina? und des ganzen Bixiga-Viertels in Sao Paulo, und es ist auch ein Kampf gegen den unstillbaren Durst der Immobilienspekulation, die die Staedte verwuestet; vor allem Sao Paulo, die Stadt, die auf diese Weise vermutlich am schlimmsten zerstoert worden ist. Dies ist also ein Kampf im Namen der Nachbarschaft ? und des Theaters, dessen Charakter universell ist. Und beim Besuch, den Silvio Santos uns abgestattet hat, haben wir feststellen koennen, dass sich in diesem Kampf nach 25 Jahren eine Veraenderung vollzogen hat. Denn Silvio Santos selber hat sich auf Dinge eingelassen, die sein Unternehmen in so vielen Jahren nicht hat wahrnehmen wollen, nicht einmal in Anhoerungen vor dem Gericht fuer Umweltangelegenheiten. Nun war Santos selber hier und hat erlebt, wie eindrucksvoll dieses Theater ist. Er habe diesen Raum zuvor nie betreten, sagte er, weil er ihn fuer sehr klein gehalten habe; nun war er ueber die Groesse erstaunt, ueber die Hoehe und ueber das bewegliche Dach. Und er war ueberrascht ueber die Art und Weise, wie er willkommen geheissen wurde. Er hat ausserordentliches Interesse gezeigt. Ich konnte ihm das Projekt in deutlichen Worten erklaeren, und ich glaube, er hat die Dimensionen wahrgenommen; nicht nur in Bezug auf das Stadtviertel, sondern auch die internationalen Dimensionen, die das Projekt annehmen kann. Danach hat er diese Architekten engagiert, die in der Tat sehr gut sind; sie haben schon mit Lina gearbeitet
Dieses Projekt wird entweder ziemlich konventionell ausfallen ? oder es wird fuer die ganze Welt von Bedeutung sein. Es wird nicht nur ein Postkartenmotiv fuer die Stadt sein, sondern einen Ort auf der Welt markieren, an dem es moeglich geworden ist, jene schicksalhaften Zwaenge zu ueberwinden, die die Immobilienspekulation ueber die grossen Staedte gebracht hat. Und es koennte wirklich ein Beispiel von Schoenheit werden, eine Welt-Attraktion. Aber mit Blick auf unser erstes Treffen in der vorigen Woche muss ich sagen: All das kann auch ganz mittelmaessig ausfallen. Dieses Treffen ist uebrigens aufgezeichnet worden, und wir werden es auf unserer Website zugaenglich machen. Ich will diese Website damit auch fuer Debatten oeffnen. Es war ein Treffen voll hitziger Diskussionen, und von Beginn an gab es eine Menge Dinge, mit denen ich ueberhaupt nicht uebereinstimmen konnte; mit einigen anderen war ich einverstanden. Und es endete mit der einstimmigen Entscheidung, eine Art Beirat einzuberufen. Wir haben Persoenlichkeiten wie Modesto Carvalhosa darin versammelt, unseren Rechtsanwalt, wie Contardo Calligaris und das ganze ?Oficina?-Ensemble einschliesslich Bete Milan. Danach haben wir auch Eduardo Suplicy gewonnen
Ich habe meine Zustimmung im Vertrauen auf zwei Dinge gegeben ? erstens auf das Vertrauen, das Silvio Santos persoenlich mir vermittelt hat, und das Verstaendnis, das er, wie ich glaube, jetzt fuer das Projekt entwickelt hat; und zweitens im Vertrauen auf die Unterstuetzung, die das Projekt von einem betraechtlichen Teil der oeffentlichen Meinung erhaelt.
Der Kampf mit der Logik des Kapitals
Die Gestaltung des neuen Kapitals
Derzeit wird diese oeffentliche Meinung von einigen Diskussionen gepraegt. Zunaechst gab es Pressemeldungen in ?Estado de Sao Paulo? und dann zwei Artikel in der ?Folha de Sao Paulo?; und zwar auf der Titelseite, zusammen mit einer Zeichnung ? das hat zu einer heftigen Polemik gefuehrt. Die finde ich einerseits sehr interessant ? denn darin zeigt sich einleuchtenderweise auch die Ansicht derer, die nicht mitten im Feuer stehen und nicht in die aktuellen Kaempfe verwickelt sind. Der Kampf ist haerter als zwischen Israel und Palaestina. Der Kampf mit dem Kapital ist sehr schwierig ? gar nicht so sehr in Bezug auf die Menschen, gegen die er gefuehrt wird, die Kapitalisten eben, als vielmehr in Bezug auf die innere Logik des Kapitals selbst. Es ist sehr schwer, andere davon zu ueberzeugen, dass das Kapital (vom oekonomischen Standpunkt aus betrachtet) gar nicht so wichtig ist unter der Massgabe sofortigen Profits ? wichtig ist die Bedeutung des Kapitals auf lange Sicht. Ich habe den Eindruck, dass die Dinge ?wenn sie sich hier so entwickeln wie ich und das ?Oficina? es beabsichtigen und wie schon Lina es vorsah- aehnlich grosse Bedeutung gewinnen koennten wie die Uffizien in Florenz; das Museum, das dem Prinzen Cosimo gespendet wurde von einer Ur-Ur-Ur-Grossmutter von Silvio Santos, der ebenfalls aus der Abravanel-Familie stammt; und es ist eines der bedeutendsten Museen der Welt. Das bedeutet: Kapital = Tourismus = Profit = Wissen. Dies ist eine Form von Kapital, dessen Profit sich weniger im Augenblick als viel mehr auf lange Sicht erweist. Das ist das Problem, mit dem wir kaempfen. Offenkundig war fuer mich die grundsaetzliche qualitative Veraenderung nach 25 Jahren, in denen die Unternehmensgruppe von Silvio Santos eine Reihe von Projekten fuer das ?Oficina?-Terrain vorgelegt hatte; eines davon beinhaltete die Uebertragung von Grundbesitz an das ?Oficina?. All das waren aber Projekte, denen ich nie zustimmen konnte; selbst wnn die Architekten meinten, ich sollte den Weg freimachen, weil ich doch doppelt so viel Raum wie im bisherigen Theater erhalten sollte. Aber ich stimmte nie zu, weil die Plaene nicht mit der Idee von ?Stadion-Theater? uebereinstimmten.
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